Interview mit Viktor Blum, Leiter der messianischen Gemeinde „Ewen Israel“, Jerusalem, Israel


 - Schalom, erzähle bitte über dich. Wer bist du? Ein Rabbiner oder ein Pastor?


 - Kurz zusammengefasst: Ich bin messianischer Pastor, so nennt man uns in Israel. Das heißt, ich bin der Pastor einer jüdisch-messianischen Gemeinde.


 - Warum bezeichnen sich die messianischen Pastoren in Israel nicht als Rabbiner?


 - Erstens sind die Leiter messianischer Gemeinden in Israel bescheiden. Da sie formal keine Rabbiner-Ausbildung bekommen haben, wollen und können sie sich nicht als Rabbiner bezeichnen. Andererseits denke ich, dass es in dem Land, wo die jüdische Religion dominiert, Probleme mit Gedanken-Assoziationen gibt. Für viele klingt die Bezeichnung „Rabbiner“ nicht  gut, besonders für diejenigen, die wie wir durch die „klassische christliche Schule“ im üblichen Sinne gegangen sind, d.h. für die meistens von uns, so wie es sich ja ergeben hat. Und irgendwie ist es sogar interessant, dass sich alle in Amerika als Rabbiner bezeichnen; nur Nicht-Juden, die eine messianische Gemeinde leiten, nennen sich Pastoren. In Israel kenne ich keinen messianischen Rabbiner. Sogar die Gemeindeleiter, die sich der Torah gegenüber konsequent und treu verhalten, bezeichnen  sich nicht als Rabbiner. Und überhaupt, es gibt wunderbare Titel für die Leiter von Gemeinden, die ihre Wurzeln in der messianischen Vergangenheit haben und zwar: Roeh Kehila, was „der Pastor“ bedeutet, oder Zaken- Zkenim(pl), was „der Älteste“ bedeutet, oder Manghik haKehila,  was „der Führer der Gemeinde“ bedeutet.


- Welche Sprache wird hauptsächlich in deiner Gemeinde verwendet?


- Wir sind eine russischsprachige Gemeinde. Unser Hauptziel ist es, das Evangelium zu verkünden und die russischen Juden zu ihren Wurzeln zurückzubringen. Die englischsprachigen Juden zum Beispiel haben schon ihre Wurzeln, und es macht keinen Sinn, sie zu Wurzeln zurückzubringen, die schon vorhanden sind. Was die russischen Juden angeht, so sind es in der Regel Juden ohne Sprache, ohne Wurzeln und ohne Kultur. Alles wurde unterdrückt. Und ich sehe das Ziel unserer Gemeinde darin, den Menschen die jüdischen Werte im Licht des messianischen Judentums und Glaubens an Jeschua zurückzugeben.


- Erzähle uns bitte, wie du zu deinen jüdischen Wurzeln zurückgefunden hast. Wer warst du, und wer bist du heute geworden?


- Es ist eine lange Geschichte, die natürlich einige Stunden in Anspruch nehmen würde. Ich wusste schon immer, wer ich war. Und wenn ich es vergaß, so erinnerte mich meine Umgebung daran. In der Sowjetunion war es selbstverständlich, an seine jüdische Abstammung erinnert zu werden, denn latenter Antisemitismus war an der Tagesordnung. Jedoch war es uns auch bewusst, was für Juden wir waren: ohne Sprache, ohne Geschichte, ohne Kultur. Es war dieses eigenartige Judentum, das wir nur als Juden der sozialistischen Länder kennen, wo wir Juden waren, weil wir daran ständig erinnert wurden. Ich bin in Estland geboren. Estland war für eine Zeit lang ein gutes Gebiet für jüdische Wunderkinder. Sie kamen dorthin, um zu lernen bzw. zu studieren. Meine Eltern kamen nach Estland, da sie nach ihrem Abschluss an der Universität in Leningrad unter Stalin keine Arbeit finden konnten.

In einer Stadt dort namens Tartu hatte sich zu der damaligen Zeit eine interessante Situation ergeben. Ein  hervorragende Mann, Jurij Lotman, Gründer der Semiotik, war aus demselben Grund nach Estland gekommen. Dorthin kamen viele Studenten, wie zum Beispiel auch meine zukünftige Ehefrau. Sie hatte die Schule in Kiew mit besten Noten und mit Auszeichnung (der goldenen Medaille) abgeschlossen, aber sie bekam keine Studienzulassung für die gefragten Fachrichtungen an den Hochschulen. Dann kam ihr derselbe Gedanke, den auch meine Eltern vor 30 Jahren hatten: es gibt einen Hafen, wo die Juden nicht so ganz übel behandelt werden. Es war nicht selbstverständlich, denn es ist bekannt, dass Estland zu der Zeit des 3. Reiches „judenrein“ war. Und doch hatte sich nach dem Krieg die Beziehung zu den Juden geändert. Nicht so, dass es keinen Antisemitismus mehr gab, jedoch war es mit dem Antisemitismus in der Ukraine oder in Moskau nicht zu vergleichen. Mein Vater war Professor der Philosoph und unterrichtete an der Universität. Ich bin in die Fußstapfen meines Vaters getreten und interessierte mich auch für Philosophie. Wer sich in der Sowjetunion zu jenen Zeiten für die Philosophie interessierte, war gezwungen, eine verfremdete Lebensweise zu führen oder ein ganzes Paket verschiedener Fachbereiche zu unterrichten, einschließlich dem Atheismus. Ich bin diesen Weg gegangen. Natürlich unterrichtete ich den Marxismus und zu meiner Scham auch den wissenschaftlichen Atheismus, obwohl ich auch den Studenten Informationen über andere Religionen zu vermitteln versucht habe. Ich war nicht gläubig, jedoch studierte ich mit Interesse Psychoanalyse und die individuelle Psychologie nach Jung, die die Christen mit Recht kritisieren. Ironischerweise hat mich dieses Interesse zum Glauben an Gott bewegt.

Ich hatte meine eigene Vorstellung von Weltall und Schöpfung, und verstand unter dem Wort "Gott" die schöpferische Fähigkeit des Menschen. Klassische Musik, Poesie, gehobene Literatur und Philosophie waren für mich der Himmel. Aus verständlichen Gründen hat Gott da in dieser Reihe sehr lange keinen Platz gefunden: meine weltliche und snobische Weltanschauung stand dagegen. Und der Niederwerfer  jeder Form von Autorität, der Psychoanalytiker Sigmund Freud, der bei den Gläubigen einen heiligen Schrecken hervorruft, spielte in meinem Leben eine große Rolle, da er in seinen Werken die Bedeutung der Kultur bloßstellte. Ich war von ihm begeistert und schrieb darüber in meiner Dissertation, da seine Beziehung zu seinem jüdischen Vater mich an mich und meine Beziehung zu meinen Eltern erinnerte. Es gab da sehr viel Ähnliches, was man nicht nur in Bezug auf den Intellekt, sondern auch im Leben erlebte bzw. durchmachte; das sprach mich an. Als ich mich in seine Theorie der Psychoanalyse vertiefte, verstand ich, dass Kultur nichts wert ist. Und obwohl ich ein Kenner der feinen Kultur bleibe, hörte sie aber irgendwann auf, ein Idol für mich zu sein. Durch Seine Gnade nahm Gott diesen Platz ein. Es geschah, als ich schon mit Julia verheiratet war.

Obwohl sie Programmiererin war, begeisterte sie sich ebenso für die Philosophie. Wir studierten gemeinsam, als ich Aspirant (zum Erwerb des Doktortitels) war, schrieben zusammen Dissertationen in Philosophie und suchten nach Gott. Wir suchten lange und hartnäckig. Gleich nach der Erklärung der Unabhängigkeit Estlands Ende der achtziger Jahre war ich ein ziemlich populärer Lektor, denn es gab nicht genug Lehrer, die etwas außer den marxistischen Dogmen wussten. Ich hielt Vorlesungen über Descartes, Spinozza, Aristoteles, Freud, Gusserleue und andere Autoren, die lange Zeit verboten waren. Eigentlich hätte ich mich darüber freuen und stolz darauf sein sollen. Jedoch, wenn die dankbaren Studenten zu mir kamen, war es mir peinlich, denn ich fühlte, dass ich etwas Falsches sagte und vortrug.

So ergab es sich, dass wir leider niemals zur Synagoge oder zur Kirche gingen. Der erste Gläubige, den wir auf unserem Lebensweg begegnet sind, ist meiner Frau buchstäblich aus dem Nichts begegnet. Es war irgendein Passant mit einem Traktat in der Hand, worauf stand: «Das Leben». Und wir suchten gerade nach diesem Leben. Dieser Mensch, der vom Judentum sehr fern war, hat uns viel mehr gegeben, als all die Quellen, aus welchen wir uns so lange Zeit geistlich „ernährten“. Er hat uns das Wort Gottes, unsere Propheten gegeben, hat unsere Vergangenheit Realität werden lassen. Er versuchte nicht, uns zum Christentum zu bekehren, sondern berichtete von der Freude an eine Beziehung mit dem jüdischen Messias, an den die Christen glauben. Wir waren davon ungewöhnlich berührt, dass jemand uns braucht und mag, uns die Liebe Gottes zeigt. Andererseits sahen wir, wie die Prophezeiungen der jüdischen Propheten sich vor unseren Augen erfüllten. Zum ersten Mal in unserem Leben tauchte das Wort „Israel“ in unserem Sprachgebrauch auf. Und obwohl wir daran dachten, nach Deutschland auszuwandern, da Deutsch die Sprache meiner wissenschaftlichen Forschungen und die deutsche Kultur meine Lieblingskultur war und ist, gelangten wir nach kurzer Zeit nach Jerusalem.


- Wie hast du begonnen, Dich mit der Organisation der Gemeinde zu beschäftigen?


 - Das hat schon seine Zeit gebraucht. Zuerst haben wir uns bekehrt. Das geschah noch in Estland; zuerst meine Frau Julia, und später ich. Wir sind Gott sehr dankbar, dass wir nach unserer Bekehrung nicht in irgendeinen theologischen Rahmen geraten sind, sondern gleich danach nach Israel (Jerusalem) kamen. Gerade zu dieser Zeit fing dort alles an. Es war 1991, der Höhepunkt der Einwanderung aus der Sowjet Union. Es kamen 200 000 Menschen in diesem Jahr an. Auch wie es bei den Propheten vorhergesagt ist, geht Gott dem zurückkehrenden Israel selbst voran. Es machte sich darin bemerkbar, dass Menschen, die religionsfern waren, plötzlich das Gefühl hatten, nach Israel auswandern zu müssen. In ihnen änderte sich etwas, sie spürten unerklärliche Freude. Und viele waren sehr offen für Gott. Zunächst dienten wir als Evangelisten in einer englischsprachigen Gemeinde, die der Gelehrte und Bibelforscher Bob Linsi leitete. Es war eine Pfingstgemeinde, die die Vision hatte, bald einen russischsprachigen Dienst anzufangen. Das ergab sich auch so. Wir beschäftigten uns mit Übersetzungen von der englischen Sprache ins Russische, worauf sich bald eine ziemlich große Gruppe bildete. Im Glauben gestärkt nahmen wir an der Entstehung und an dem Wachsen von Gemeinden in Arat, in Ariel und in Aschdod teil. 1993 bekamen wir unerwartet eine Einladung nach Finnland, um dort an einer Bibelschule zu studieren, die wir erfolgreich beendet haben. Ich dachte immer, die Finnen seien meistens emotional kalte Menschen, die nur unter Alkoholeinfluss fähig sind, sich mit anderen frei zu unterhalten. Als ich aber die jungen finnischen Gläubigen sah, die voll Liebe zu Israel waren, dachte ich, dass ich mit so einem Gott immer zusammen sein will, der sogar solche Menschen emotional auftauen lässt. Gott hat mich die finnische Sprache lernen lassen, was mir ermöglicht, einmal pro Jahr nach Finnland zu gehen und dort in ihrer Sprache zu predigen. Das Wichtigste ist jedoch, dass wir in Finnland eine zweiteilige Vision über die Gemeinde erhalten haben. Der erste Teil: Bildung einer russischsprachigen messianischen Gemeinde in Jerusalem; Teil 2 der Vision: das Leben am Grunde des Glaubens -Unterbrechung meiner Doktorarbeit an der Jerusalemer Universität. So entstand im Januar 1994 unsere Gemeinde. Wir haben die Gemeinde „Ewen Israel“ (Fels Israels) genannt. Die schönste Arbeit war mit den Menschen, die sich in unserer Gemeinde bekehrt haben und die wir beeinflussen konnten. Es war schwerer mit Gläubigen, die mit Theologie vollgepackt waren und mit den entsprechenden Erwartungen ankamen.

  

- Und wie groß wurde schließlich die Gemeinde?


- Unsere Gemeinde existiert seit 15 Jahren. In dieser Zeit haben sich etwa 200 Menschen bekehrt und sind im Glauben gewachsen. Etwa 300 Menschen besuchten die Gemeinde. Jerusalem ist eine Transitstelle. Die Wohnungen sind teuer und es gibt wenig Arbeit. Deshalb verlassen viele die Stadt und die Gemeinde und ziehen um. Ein Teil von ihnen hat uns bestimmt aus ideologischen Gründen verlassen. Jedoch muss ich ohne überflüssige Bescheidenheit sagen, dass wir lange Zeit die einzige russischsprachige messianische Gemeinde in Jerusalem und die größte in Israel waren. Aber später sind Gemeinden nach anderen Interessen gegründet worden. In den letzten 15 Jahren sind 10 Mal mehr Gemeinden in Israel gegründet worden. Für viele ist die unglückliche Frage über die Glückseligkeit (Gnade) und die Torah (Gesetz Gottes) der Stein des Anstoßes. Manche Menschen verlassen uns, weil ihnen unsere Gemeinde viel zu jüdisch zu sein scheint. Andere suchen dagegen etwas Hebräischeres. Leider kann man nicht alle zufrieden stellen, aber ich hoffe, dass wir langsam auch zu einer harmonischen, nicht oberflächlichen Liturgie kommen, als Ausdruck eines tiefen Verständnisses des Judentums. Wir glauben auch, dass die Zeit kommt, wo die messianische Gemeinde in Israel nicht zu einer politischen, sondern zu einer geistlichen Kraft wird. Dann wird man uns als Juden akzeptieren, und nicht für Verräter und Verstoßene halten. Dazu sollen wir unseren Kindern schon heute die Möglichkeit bieten, messianische Juden im vollen Sinn dieses Wortes zu sein.


- Wie wieviele messianische Gemeinden gibt jetzt in Jerusalem?


- Nach meinen Schätzungen sind es 28 Gemeinden, wenn es während unseres Gespräches nicht mehr geworden sind.


 - In welcher Beziehung stehen die Gemeinden zueinander?


- Zu meiner großen Freude nähern sie sich zu einander und beginnen zusammenzuarbeiten. Wir sind sehr jung. Die meisten der englischsprachigen israelischen Pastoren sind ehemalige Hippies, die sich in den berühmten 70år Jahren bekehrt haben. Als Jerusalem vereinigt wurde, sind viele von ihnen aus den Kirchen hinausgegangen bzw. haben ihre Gemeinden verlassen und messianische Gemeinden gegründet. Es war eine gewisse prophetische Bewegung. Die russischsprachigen Leiter wurden auch durch den Heiligen Geist geführt, und ihnen war nicht immer bewusst, wie und wohin sie sich bewegten, wie sie sich entwickelten. Jetzt ändert sich die Situation. Ich trete für die messianische Bildung persönlich ein, und ich denke, dass die neuen Gemeindeleiter schon wachsen. Jetzt geschieht ein Generationswechsel  unter den Leitern der messianischen Gemeinden in Israel. Und so ist die neue Generation: mehr jüdisch und mehr messianisch als wir es sind und je waren. Sie fühlen sich in der israelischen Gesellschaft gut integriert – wie der Fisch im Wasser –, da sie in Israel aufgewachsen sind und auch dort Ihre Bildung (Schul-, Berufs- und Hochschulabschlüsse) bekamen. Sie unterscheiden sich von uns. Wir sind die ersten Früchte. Wir sind nur für die Konfitüre brauchbar. Jetzt macht Gott aus mehreren Gemeinden eine Einheit. Als wir begannen, waren wir nicht viele; es gab keine Einheit und keine Einigung. Aber genauso wie die Grundlage der Gründung der ersten messianischen Gemeinde der Apostel die Einheit war, so geschehen auch jetzt Wunder. So kommen wir zum Beispiel mit den Leitern messianischer Gemeinden einmal pro Monat zusammen, nicht um zu zeigen, wer welche Erfolge in der Verkündung des Wortes Gottes hat, sondern um gemeinsam zu beten und nach Gott zu suchen. Natürlich kommen nicht alle, aber es entstand ein Kern, im übertragenen Sinne ein Grundgerüst. Vor einem Jahr haben sich 10 Gemeinden für das gemeinsame Feiern des Sukkots (des Laubhüttenfestes) versammelt. Ihnen waren die Probleme der vergangenen Zeit bekannt, sie ließen sich aber dadurch nicht abschrecken. Und es wurde ein großer Sieg. Und ich bin überzeugt, dass irgendwo auf dem Arbeitstisch Gottes schon der von Ihm abgesegnete Plan des Aufbaus einer einheitlichen messianischen Gemeinde in Jerusalem liegt.


- Vielen Dank fürs Gespräch!


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